Living in the world of the "Other" - Attic vases as grave goods in Pantikapaion (Kerch, Crimea)

Friederike Fless

Gegenwelten oder spiegelverkehrte Welten zu untersuchen, liegt derzeit im Trend archäologischer Forschungen. Die Antike erscheint aus dieser Perspektive wie ein Konstrukt aus Oppositionen, in denen das Eigene dem Anderen oder Fremden gegenübergestellt und von diesem abgegrenzt wird. Je nach Forschungsgegenstand kann es dabei um die Beschreibung von Differenz bzw. Alterität zwischen den Geschlechtern, zwischen Griechen und Barbaren oder den Griechen und einer in Mythen faßbaren Gegenwelt wie den Kentauren, Amazonen, Arimaspen und Greifen gehen. Die Intentionen dieser Abgrenzung werden im allgemeinen in der Konstruktion eigener Identität gesehen.

Ein antikes Bildthema, das in diesem Modell eine besonders prominente Rolle spielt, ist die Amazonomachie. Nach diesem Modell widersprechen die Amazonen als kriegerische Frauen dem Rollenbild der griechischen Frau und werden damit zu Gegenbildern der Polisordnung. Dadurch wird, so das Modell, gleichzeitig die kulturelle Identität der Polisordnung bestärkt. Auch wenn die simple Anwendung dieses Interpretationsmodells in der jüngsten Forschung modifiziert worden ist, wird es doch immer wieder in der einfachen Form zur Interpretation vor allem von attischen Vasen mit Amazonendarstellungen genutzt. Damit geht einher, daß die Darstellungen der Amazonen vor allem aus der Perspektive der Produzenten der Vasen interpretiert werden, d.h. aus einer athenozentrischen Perspektive heraus. Daß diese Vasen in der Mehrzahl nicht in Athen gefunden worden sind und damit der Betrachterstandpunkt der Bilder und damit der Gegenwelt in den meisten Fällen nicht in Athen lag, spielt in diesem Interpretationsmodell zumeist keine Rolle.

Gerade die Fundorte und damit auch die Perspektive des Käufers und Nutzers der attischen Keramik sollen im Mittelpunkt meines Vortrags stehen. Dabei beschränke ich mich auf jenes Gebiet auf der östlichen Krim und der Taman-Halbinsel, auf dem sich in spätklassischer Zeit das Bosporanische Reich erstreckte. Dorthin wurden im 4. Jh. v. Chr. in großer Zahl attische Vasen, darunter besonders viele Peliken mit Darstellungen von Amazonomachien und Greifenkämpfen exportiert.

Auf diese in das Schwarzmeergebiet exportierten Vasen wurde das für Athe entwickelte Interpretationsmodell natürlich ebenfalls angewendet.
So bemerkt die Archäologin Vassileva zu den Darstellungen der Amazonen auf den Peliken: „ ... they still reflect the Hellenic (often Athenian) model of the world and of the 'other'“.

Vassilevas Interpretation bezieht sich also auf die im nördlichen Schwarzmeergebiet gefundenen Peliken. Ihr Interpretationsstandpunkt ist jedoch in Athen zu lokalisieren. Ob jedoch der attischen Vase im Moment ihrer Übertragung durch den Export auch das attische Bedeutungsumfeld anhaftete und dieses also automatisch mittransportiert worden ist, hinterfragt sie dabei nicht. Ebensowenig findet in diesem Interpretationsmodell Berücksichtigung, ob im nördlichen Schwarzmeergebiet überhaupt Griechen die Käufer der Peliken und Betrachter der Bilder waren.

Wenn im folgenden die in den Gräbern Pantikapaions gefundenen attischen Importvasen betrachtet werden sollen, stellt sich also zunächst einmal die Frage, ob es überhaupt legitim ist, die für Athen entwickelten Interpretationsmodelle auf die exportierten Gefäße anzuwenden. Eng damit verbunden ist die Frage nach dem kulturellen Kontext, in dem die Gefäße dann im nördlichen Schwarzmeergebiet gefunden und genutzt worden sind. Denn erst die Bestimmung des konkreten Fundkontextes und kulturellen Kontexte erlaubt es, die Käufer und Nutzer der Keramik und damit auch die Betrachter der Bilder zu bestimmen.

Das Modell der Gegenwelt auf die Funde attischer Vasen im nördlichen Schwarzmeergebiet zu übertragen, ist aber noch mit einem sehr viel grundsätzlicheren Problem verbunden. Dies tritt deutlich hervor, wenn man sich die Grundlagen für die Entwicklung des Modells und die Situation auf der Krim und Taman-Halbinsel konkret vor Augen führt.

Das nördliche Schwarzmeergebiet ist genau jene Region, die bei der Entwickluing des Modells der spiegelverkehrten Welt oder Gegenwelt eine wichtige Rolle spielt. So hat Francois Hartoge in seiner für dieses Thema grundlegenden Arbeit „Le mirroir de Herodote“ aus dem Jahr 1980 den skythischen Logos des Herodot so interpretiert, daß in der Beschreibung der Skythen dem griechischen Leser eine spiegelverkehrte Welt seiner eigenen Kultur entgegengestellt wird. Die Skythen sind also die Exempla der spiegelverkehrten Welt oder Gegenwelt aus der griechischen Perspektive.

Hartoge´s Modell erklärt nun aber nicht, wie der Spiegel, um in seiner Metapher zu bleiben, funktionieren soll, wenn ein Grieche direkt vor dem Spiegel steht, d.h. der skythischen Kultur unmittelbar benachbart ist. Nimmt er aus dieser Nähe heraus die Skythen als das Andere, als eine seiner Kultur entgegengesetzte Kultur wahr?

Dasselbe Problem stellt sich bei der Analyse der Bilder mit Amazonomachiedarstellungen. Herodot (IV 110-117) läßt im 5. Jh. v. Chr. die Sauromaten als Ergebnis der Vereingung der Amazonen mit den Skythen im nördlichen Schwarzmeergebiet hervortreten. Auch andere antike Quellen lokalisieren die Amazonen in dieser Region. In das nördliche Schwarzmeergebiet wurde, wie gesagt, im 4. Jh. v. Chr. auch die Mehrzahl der attisch-rotfigurigen Peliken exportiert, die mit Vorliebe Amazonomachien zeigen.

Die Amazonomachiedarstellungen auf diesen Peliken wurden also in einem Gebiet gefunden, das der Region benachbart ist, in der die antiken Quellen die Amazonen ansiedeln. Die Lokalisierung des Mythos und der Fundort der Bilder liegen also nicht weit voneinander entfernt. Auch hier stellt sich wiederum die Frage, ob die dem Mythos zugehörenden Amazonen von den Bewohnern des Bosporanischen Reiches als Gegenbilder ihrer Kultur verstanden worden sind.

Um diesen Fragen und Problemen nachzugehen, werde ich im folgenden gezielt einen Standortwechsel vollziehen und die Vasen mit ihren Bildern aus dem konkreten kulturellen Kontext der Käufer und Nutzer heraus zu interpretieren versuchen. Dazu möchte ich zunächst die Fundkontexte und damit auch den kulturellen Kontext, in denen die Vasen gefunden worden sind, rekonstruieren. Dadurch wird der kulturelle Standort des Käufers und Betrachters bestimmt. Danach sollen die im Bosporanischen Reich produzierten Bilder daraufhin untersucht werden, ob sie Hinweise auf die Wahrnehmung der aus Athen gelieferten Bildwelt geben.

Im Mittelpunkt der folgenden Überlegungen sollen die Funde aus Kertsch, dem antiken Pantikapaion der Hauptstadt des Bosporanischen Reiches stehen. Kertsch liegt auf der östlichen Krim und ist in der archäologischen Forschung namengebend für eine Gruppe rotfigurig bemalter Vasen aus Athen, die Adolf Furtwängler (1883-1887) und Karl Schefold (1934) als „Kertscher Vasenklasse“ oder Vasen des „Kertscher Stils“ beschrieben haben.

Zu den Kertscher Vasen in Furtwänglers und Schefolds Definition gehören zwei Gruppen von Gefäßen. Zum einen sind es die zahlreichen Peliken, mit Amazonen- und Greifenkämpfen sowie den Protomen von Greif, Pferd und/oder weiblichem Kopf. Zum anderen sind es qualitätvolle, durch zusätzliche Farben in ihrer Polychromie bereicherte Gefäße mit variantenreicher mythologischer Thematik. Im Fundmaterial überwiegen insgesamt die schlichten und wenig qualitätvollen rotfigurigen Vasen mit ihrer standardisierten Bildwelt.

Mit den Kertscher Vasen faßt man für diese geographisch begrenzte Region hinsichtlich der Qualität und der Vorliebe für bestimmte Gefäßformen und Bildthemen somit einen spezifischen Akzent im Fundspektrum attischer Keramik. Dies bedeutet nicht, daß die Kertscher Vasen nicht in einzelnen Fällen auch in anderen Regionen gefunden worden sind. Einzelfunde ergeben jedoch, wie noch später zu zeigen sein wird, keine interpretierbaren Muster. Interpretierbar sind für uns nur jene immer wiederkehrenden Verhaltensweisen, die ich im folgenden als Konvention bezeichnen möchte. In den antiken Quellen werden solche Konventionen z.B. im Zusammenhang mit den unterschiedlichen Trinksitten in griechischen Poleis bereits durch Autoren der klassischen Zeit, wie Kritias (in: Athenaios XI p. 463 e-f Z. 4-11) beschrieben. Die Unterschiede in der Nutzung und Handhabung der Keramik waren den Zeitgenossen im 5. und 4. Jh. also deutlich bewußt. Sie lassen sich aus dem Fundmaterial jedoch nur rekonstruieren, wenn eine entsprechende Materialmenge und eine ausreichende Zahl von Fundkontexten überliefert sind, wie es für Pantikapaion der Fall ist.

Das Entstehen dieser Vorliebe für die Kertscher Vasen in Pantikapaion vollzieht sich unter bestimmten historischen Rahmenbedingungen. Das Bosporanische Reich hat sich in Folge der Perserkriege herausgebildet. Seit 438/7 v. Chr. übernahmen die Spartokiden die Macht und etablierten mit der griechischen Kolonie Pantikapaion als Hauptstadt eine Territorialherrschaft (Fig.
1). Diese Territorialherrschaft war aber nicht auf die griechischen Städte beschränkt, die von Kolonisten aus Milet seit archaischer Zeit gegründet worden sind. Es waren vielmehr auch nichtgriechische Stämme eingebunden.

Diese Besonderheit der Spartokidenherrschaft tritt in einer für Leukon I. (389-349 v. Chr.) überlieferten Titulatur hervor. Dort wird er archon von Bosporos und Theodosia, sowie basileus indigener Stämme genannt. Der kulturelle Kontext, in dem die attischen Vasen gefunden worden sind, ist also dadurch bestimmt, daß griechische Poleis und nichtgriechische Stämme in einer Herrschaft vereint waren. Diese grenzt wiederum an weitere nichtgriechische und nichtbosporanische Kulturen z.B. der Skythen, Taurer und Maioten.

Zu den Käufern und Betrachtern der Vasen und damit des Spiegelbildes könnten im Bosporanischen Reich also nicht nur Griechen, sondern auch Nichtgriechen unterschiedlicher Herkunft darunter auch Skythen gehören.

Das Bosporanische Reich ist aber auch in anderer Hinsicht keine geschlossene Gesellschaft. Für die Blütezeit des Bosporanischen Reiches im 4. Jh. v. Chr. sind vielmehr enge wirtschaftliche und politische Kontakte zwischen Athen und den bosporanischen Herrschern überliefert. Athen war in Klassischer Zeit auf die Getreideimporte aus dem nördlichen Schwarzmeergebiet angewiesen und verlieh, um den stetigen Zufluß des Getreides zu garantieren, den bosporanischen Herrschern besondere Ehrungen.

Für das Bosporanische Reich bedeutete dies umgekehrt, daß ein dauerhafter Kontakt mit dem griechischen Mutterland bestanden hat. Damit waren der Import griechischer Waren wie der attischen Keramik in das nördliche Schwarzmeergebiet sowie eine Einflußnahme auf das angebotene Gefäßspektrum gewährleistet. Es ist also davon auszugehen, daß der mögliche Betrachter eines solchen Spiegelbildes im Bosporanischen Reich, um in Hartoge´s Metapher zu bleiben, wahrscheinlich auch die gelieferte Bildwelt beeinflussen konnte.

Mit diesen allgemeinen Bemerkungen sind nun zwar grob einzelne Parameter erfaßt, es ist aber noch nicht der Betrachter konkret in seinem kulturellen Kontext beschrieben. Für eine solche konkrete Beschreibung und Rekonstruktion des Betrachters stehen im Bosporanischen Reich allein Grabkontexte zur Verfügung, die allerdings in großer Zahl erhalten sind.

Auch wenn viele der einfachen Erdgräber und der Grabhügel, Kurgane, nicht mehr rekonstruierbar sind, steht mit ca. 3000 publizierten Gräbern der griechischen und römischen Zeit doch ein recht aussagekräftiges Material zur Verfügung.

Wichtig für unsere Fragestellung und das Verständnis der Nekropolen sind die auf den Höhenrücken des Juz Oba und den Ausläufern des Mithridatesberges angelegten Grabhügel, Kurgane (Fig.
2). Auf dem östlichen Teil des Mithridatesberges liegt die Akropolis von Pantikapaion. Auf den westlichen Ausläufern erstreckten sich ehemals ausgedehnte Nekropolen mit Grabhügeln und einfachen Erdgräbern.

Unter diesen Grabformen bilden die Bestattungen in den großen Kurganen für die Klassische Zeit eine besonders gut dokumentierte und auch zahlreiche Gruppe. Kennzeichnend für die aufwendigen Grabhügel ist eine spezifische Kombination von Merkmalen, wie die Grabanlagen auf dem Juz Oba zeigen (Fig.
3, Fig.4, Fig.5): Sie besitzen in der Regel aufwendig gestaltete Grabkammern, die aus sorgfältig geschnittenen Steinquadern gefügt sind. Typisch sind die Kragsteingewölbe. In den Grabkammern standen, soweit die Befunde erhalten waren, je ein Holzsarkophag und eine qualitätvolle, attisch-rotfigurige, seltener schwarz gefirnißte Pelike. Diese ist oftmals mit einer Lekanis vergesellschaftet. Hinzu kommen in den Sarkophagen Salbgefäße in der Regel Alabastra aus Alabaster. Hinsichtlich dieser Grundelemente erweist sich die Ausstattung dieser Gruppe von Gräbern als erstaunlich homogen.

Importierte Peliken wurden darüber hinaus auch in sehr vielen einfachen Erdgräbern gefunden. Dort kommen sie auch in Fundvergesellschaftung mit lokal produzierten Peliken vor. Die Funktion der Peliken in den Gräbern ist zwar nicht mehr exakt zu bestimmen. In vielen Fällen wurden sie aber zusammen mit Lekaniden und Körben gefunden. In diesen befanden sich bei der Aufdeckung der Gräber zum Teil Früchte oder Nüsse. Es waren also Speisebeigaben, die in Behältnissen außerhalb der Sarkophage deponiert waren. Daher ist es nicht unwahrscheinlich, die Funktion der ebenfalls außerhalb der Sarkophage stehenden Peliken ähnlich zu rekonstruieren. Sie könnten flüssige Beigaben z.B. Öl enthalten haben, auch wenn dies nicht mehr nachweisbar ist. Wichtig ist jedoch daß die Peliken in diesen aufwendig ausgestatteten Gräbern nahezu regelhaft gefunden worden sind.

Die Peliken kommen aber ebenso häufig in den einfachen Erdgräbern vor. Die Häufigkeit des Auftretens der Pelike in den Nekropolen Pantikapaions erlaubt somit von einer Konvention der Beigabe dieser Gefäßform zu sprechen. Es ist aber nicht allein die Form, die in spätklassischer Zeit anscheinend als wichtiges Element der Pelike angesehen worden ist. Die Pelike mußte vielmehr in der Regel rotfigurig oder zumindest polychrom bemalt sein. Die Importe aus Athen haben allem Anschein nach aber nicht ausgereicht, diesen Bedarf vollständig zu decken. Es setzt vielmehr bereits im 4. Jh. eine lokale Produktion von Peliken ein.

So war im Grab 55 von Voikov eine rotfigurig bemalte, importierte Pelike mit lokal produzierten Peliken vergesellschaftet. Diese lokal produzierten Peliken sind in einer polychromen, der hellenistischen polychromen Keramik vergleichbaren Technik bemalt, nur daß in ihrem Fall die Farbigkeit rotfiguriger Vasen imitiert worden ist (Fig.
6). Das gleichzeitige Auftreten der Gefäße in einem Grab der Nekropole von Voikov ist einer der Belege dafür, daß es sich bei den lokal produzierten, sogenannten Aquarellpeliken und den rotfigurigen Vasen um zeitlich parallel auftretende Erscheinungen handelt.

Es ist also aufgrund der Häufigkeit des Auftretens der Peliken in den Gräbern von einer Beigabenkonvention zu sprechen. Der Bedarf nach diesen Gefäßen hat dann eine entsprechende Nachfrage hervorgerufen, die teilweise durch eine formal ähnliche lokale Produktion abgedeckt worden ist.

Ist mit diesen Beobachtungen nun aber der Betrachterstandpunkt bestimmt, d.h. haben wir es, da Pantikapaion ja ursprünglich eine milesische Kolonie ist, mit Griechen zu tun, die diese Gefäße erworben und damit auch die Bilder angeschaut haben oder mit Nichtgriechen? Wie ist also das kulturelle Umfeld beschaffen, in dem diese Konvention entstanden ist?
Ein möglicher Hinweis auf den Grabinhaber eines solchen Kurgans könnte gerade aus der Beobachtung abgeleitet werden, daß in der archäologischen Forschung für die attisch-rotfigurigen Peliken in griechischen Gräbern in anderen Regionen, eine Verwendung als Grabbeigabe bzw. Urne beobachtet und daraus eine signifikante sepulkrale Funktion dieses Gefäßtypus erschlossen worden ist.
Die Beigabe der Pelike in den bosporanischen Gräbern könnte folglich ein Merkmal eines griechisch geprägten Bestattungsbrauches sein und auf eine ethnische Zuordnung des Bestatteten schließen lassen. Damit wäre auch der Standpunkt des Betrachters bestimmt.
Dieses Bild der sepulkralen Funktion der attisch-rotfigurigen Peliken beruht auf einem auch für andere Gefäßtypen verwendeten methodischen Vorgehen. Dabei werden Funde in Gräbern aus ganz unterschiedlichen Nekropolen zusammengestellt, die als Belege für eine sepulkrale Funktion der Gefäßtypen interpretiert werden. Es entsteht dabei der Eindruck einer mit der Gefäßform verbundenen Koine ihrer Nutzung. Der Stellenwert eines solchen Grabinventars innerhalb der jeweiligen Nekropole wird in der Regel aber nicht weiter berücksichtigt. Mit diesem Vorgehen läßt sich zwar die Verwendung der Pelike als Grabbeigabe erfassen, aber nicht bestimmen, ob diese charakteristisch für eine bestimmte Nekropole ist.

Das Problem läßt sich anhand der Beigabenkonventionen aus der Nekropole der griechischen Stadt Olynth gut verdeutlichen. Stellt man allein die Grabinventare, die rotfigurige Keramik enthalten, zusammen, so scheint das Bild bestätigt zu sein, daß rotfigurig bemalte Peliken eine typische Grabbeigabe sind. Wertet man jedoch alle Grabbeigaben der Nekropole aus, ergibt sich ein ganz anderes Bild. Von den 600 aufgedeckten Gräbern enthalten 358 Grabbeigaben, die ca. 1400 Objekte enthielten. Neben 88 Lekythen zählen dazu mehr als 300 schwarz gefirnißte oder unbemalte Gefäßbeigaben und 17 rotfigurige Vasen, darunter 3 Peliken, die soweit es gesichert ist als Urnen dienten. Bei den Grabkontexten mit rotfiguriger Keramik handelt es sich also, sieht man von den Lekythen ab, um Ausnahmen innerhalb der Beigabenkonventionen in der Nekropole Olynths. Dasselbe gilt auch für andere Nekropolen wie Apollonia Pontike an der Westküste des Schwarzen Meeres. Für Athen sind die Grabbeigaben in den spätklassischen Nekropolen leider nur sehr unzureichend zu fassen. In der Regel handelt es sich bei den publizierten Funden jedoch um wenige Lekythen und Schälchen. Rotfigurig bemalte Peliken sind in den genannten Nekropolen somit keine standardisierte Grabbeigabe.

Der hier nur oberflächliche Blick auf andere Nekropolen läßt die Besonderheiten der Kertscher Gräber noch deutlicher hervortreten. Die Regelhaftigkeit des Auftretens bemalter Peliken in der Mehrzahl der aufwendigen Gräber und in zahlreichen einfachen Erdgräbern sowie das Entstehen einer lokalen Produktion sind als Belege für eine Konvention der Beigabe dieses Gefäßtypus zu werten. Dieser Befund kann folglich nicht als Ausdruck einer griechischen Koine in der Ausgestaltung der Gräber oder sogar kopierende Übernahme von Beigabenkonventionen z.B. aus Athen gewertet werden. Mit den Gefäßen wurde also nicht der Kontext, in und für den die Gefäße in Athen produziert worden sind übertragen, sondern neue Formen der Verwendung etabliert. Die Beigabe der Pelike ist daher auch kein sicheres Indiz für einen Griechen als Grabinhaber.

Es ist also mit der Verwendung attisch-rotfiguriger Peliken als Grabbeigabe ein spezifischer Zug bosporanischer Kultur zu fassen. Der aus dem Entstehen fester Beigabenkonventionen resultierende Bedarf nach bestimmten Gefäßtypen aus Athen ist dann als Ursache für die Nachfrage und den Import gerade dieser Gefäßform interpretierbar.

Um den kulturellen Kontext besser zu verstehen, in dem sich diese Vorliebe in der Verwendung attischer Peliken ausgebildet hat, und den Grabinhaber zu bestimmen möchte ich den Blick noch einmal auf die Kurgane als Gesamtanlage und auf ihre Ausstattung richten.

Für die aufwendigen Bestattungen dieser Region hat sich die Kombination von Grabhügeln wie auf dem Juz Oba (Fig.
7) und architektonisch gestalteter Grabkammern (Fig.3, Fig.4, Fig.5) als typisch erwiesen. Darin unterscheiden sich diese Grabhügel deutlich von skythischen Grabhügeln, wie sie z.B. im Raum von Bug und Dnepr überliefert sind, da dort entsprechende Grabkammerformen fehlen. Im äußeren Erscheinungsbild sind hingegen keine gravierenden Unterschiede zu fassen. Grabskulpturen kommen gleichermaßen im Kontext indigener Gräber außerhalb des Bosporanischen Reiches und innerhalb des Bosporanischen Reiches vor.

Es sind in diesem Grenzgebiet, in dem verschiedene Gruppen aufeinander treffen, also nach bisheriger Kenntnis keine deutlichen Gegenmodelle in der äußeren Erscheinung der Bestattungsplätze ausgebildet worden, obwohl entsprechende Modelle existiert haben und auch im Bosporanischen Reich bekannt gewesen sein müssen, wie die mit Grabterrassen und Grabreliefs gesäumten Straßen der Nekropolen Athens. Nur wenige Grabreliefs, die im Bosporanischen Reich gefunden worden sind, könnten aus Athen oder anderen griechischen Poleis importiert sein, oder übernehmen deren Formen in der Ikonographie.

Einen gravierenden Unterschied zu den griechischen Nekropolen stellt auch die Lage der Grabhügel dar. Diese sind nicht unbedingt an Strassen ausgerichtet. Die Nekropolenlandschaft ist vielmehr nach anderen Gesetzmäßigkeiten organisiert, auch wenn wir sie momentan nicht im Detail beschreiben können. Charakteristisch ist jedoch die Heraushebung der Grabhügel durch ihre Anlage auf den Höhenrücken, die noch heute weithin sichtbar das Erscheinungsbild der östlichen Krim prägen.

Das Fehlen einer deutlichen Abgrenzung in der bislang erschließbaren äußeren Erscheinung der Nekropolen im Bosporanischen Reich von den außerhalb des Bosporanischen Reiches liegenden indigenen Nekropolen ist um so interessanter, als somit zumindest auf dieser Ebene in klassischer Zeit kein ausgesprochen skythisch-griechischer, griechisch-barbarischer oder bosporanisch-nichtbosporanischer Gegensatz erkennbar ist. Eine Konstruktion eigener Identität durch die Abgrenzung vom „Anderen“ ist in diesem Randgebiet in dem beschriebenen Bereich der Grabmarkierung also nicht nachweisbar.

Die im Bosporanischen Reich und seinem Umfeld bestehenden ethnischen Unterschiede könnten dagegen durch die Art und den Reichtum der Ausstattung, durch Tracht und Waffenbeigaben sowie durch die während der Bestattung und bei späteren Totenfeiern durchgeführten Rituale artikuliert worden sein. Es wurde bereits darauf hingewiesen, daß die reichen Bestattungen im direkten Umfeld Pantikapaions eine insgesamt homogene Grundausstattung aufweisen.

Dabei können die Grabinventare hinsichtlich der Herkunft der Objekte ein facettenreiches Bild zeigen, wie es z.B. die Bestattung im Kekuvatskij-Kurgan zeigt. Neben einem Holzsarkophag wirde eine Pelike des Marsyas-Malers (Fig.
8) gefunden. Dazu treten bei dieser Gruppe von Kurganen in ganz unterschiedlicher Zusammensetzung Trachtbestandteile, Schmuckstücke und Waffen, die den Toten hinsichtlich seines Geschlechtes und seiner sozialen Position näher bestimmen. Im Kekuvatskij-Kurgan handelt es sich um einen chalkidischen Helm (Fig.9) und Beinschienen (Fig.10), die mit einem Schwertgriff (Fig.11) und dreiflügligen Pfeilspitzen (Fig.12, Fig.13) zusammen gefunden worden sind. Der Schwertgriff zeigt eine ungriechische Form und Dekoration auf, die ihre engsten Parallelen in indigenen, vor allem skythischen Gräbern findet.

Diese Elemente der Grabausstattung sind also nicht nur einem kulturellen Umfeld zuzuordnen, sondern zeigen unterschiedliche Einflüsse. Neben Beigaben rein griechischer Form kommen „skythische“ Waffen vor. Die Kombination der Waffen entspricht dabei durchaus dem Inventar skythischer Gräber aus dem Bug- und Dnepr Raum. Dort findet man sie jedoch nicht in der Kombination mit qualitätvollen attischen Peliken, Holzsarkophagen und aus Steinquadern gefügten Grabkammern. Zudem sind die skythischen Gräber durch weitere Bestandteile der typisch skythischen Ausrüstung verbunden, vor allem mit dem Pferdegeschirr. Der Krieger im Kekuvatskij-Kurgan zeigt also Elemente, die der indigenen Kultur zuzuordnen sind. Es dominieren aber die Beigaben griechischer Form und die für das Bosporanische Reich charakteristische Gestaltung der Bestattung.

Es ist daher festzuhalten, daß in spätklassischer Zeit ethnisch interpretierbare Differenzen in der Mehrzahl dieser aufwendigen Gräber im Umfeld der griechischen Kolonien gegenüber dem eher homogen wirkenden Gesamtbild zurücktreten.

Aufgrund der Differenzierung zwischen einfachen Erdgräbern und reichen Kurganbestattungen ist es darüber hinaus gerechtfertigt, diese Kurgane als Bestattungen der bosporanischen Elite anzusehen, die ihren Status in der Grabausstattung durch eine spezifische Auswahl und Ausstattung mit Objekten markiert.

Während solche Repräsentationsformen den gleichzeitigen Gräbern der oben angeführten griechischen Nekropolen wiederum fremd sind, entsprechen sie den Traditionen des indigenen Umfeldes. Dort spielen aber wiederum die attischen Vasen gegenüber Gefäßen aus Bronze und Edelmetall keine besondere Rolle. Dagegen bedient sich die bosporanische Elite der griechischen materiellen Kultur, wie sie u.a. Athen in Form der attischen Vasen bereitstellte, in sehr viel größerem Maße. Die Beigabensitte ist im 4. Jh. v. Chr. somit eher ungriechisch, während die Objekte z.B. aus Athen importiert oder griechisch beeinflußt sind.
    Zu den spezifischen Merkmalen der Formierung dieser Kultur und der Selbstdarstellung der Eliten im Bosporanischen Reich ist dann auch die Vorliebe für sehr qualitätvolle, ornamental und polychrom gestaltete Gegenstände zu zählen. Damit ist wohl letztlich auch eine der Facetten für die Vorliebe der Vasen des Kertscher Stils zu fassen. In den einfachen Gräbern finden sich ähnliche Konventionen der Auswahl der Beigaben allerdings mit reduziertem Aufwand und reduzierter Bildwelt. Die Existenz von einzelnen Gräbern mit deutlicher indigen geprägten Grabinventaren wie die vom Kul Oba im Bosporanischen Reich ändert an diesem Bild prinzipiell nichts.

Die Kriterien der Auswahl attischer Keramik und die Formen der Integration sind also im Fall der Peliken als spezifisch für die bosporanische Kultur zu interpretieren und aus den kulturellen Rahmenbedingungen heraus zu erklären. Damit ergibt sich aber auch für die Bilder auf den attischen Peliken ein insgesamt anderer Betrachterstandpunkt als ein rein griechischer. Die Bilder sind aus der Perspektive einer Kultur zu verstehen, die unter Verwendung verschiedener Elemente anderer Kulturen, darunter nicht nur der griechischen, sondern auch der indigenen, eigenständige Formen und auch eine eigenständige Identität entwickelt zu haben scheint.

Betrachten wir aus dieser Erkenntnis heraus noch einmal die Bilder auf den Peliken. Die Deutung der Bilder auf den Peliken scheint sich zunächst recht einfach zu erschließen: Kampf zwischen Griechen und Amazonen sowie Arimaspen und Greifen. Bei genauerem Hinsehen erschließen sich die Kämpferpaarungen jedoch nicht so eindeutig.

Ausgangspunkt soll zunächst das Bild einer Pelike sein, die sich im Museum von Kertsch befindet (Stahl Nr. 83). Auf einem weißen Pferd stürmt von links eine weißhäutig angegebene Figur mit einem bunt gemusterten langärmligen Trikot, einem darüber getragenen Kittel sowie einer eigentümlichen an eine phrygische Mütze erinnernden Kopfbedeckung heran. Ihr stellt sich ein nur mit Himation bekleideter Krieger im Ausfallschritt mit vorgestrecktem Schild entgegen. Bei der ebenfalls etwas indifferenten Kopfbedeckung des Kriegers könnte es sich um einen Helm handeln.
Zwischen beiden Kämpfenden wird also ein deutlicher Unterschied in Hautfarbe und Tracht markiert. Die zusätzlich aufgetragene weiße Farbe zur Wiedergabe der Haut von Frauen entspricht zwar anders als in der schwarzfigurigen Vasenmalerei der archaischen Zeit in der rotfigurigen Bemalungstechnik nicht mehr einer festen künstlerischen Konvention, wird im 4. Jh. v. Chr. jedoch wieder verstärkt zur Differenzierung zwischen den Geschlechtern und zur Hervorhebung wichtiger Personen eingesetzt.

Die Reiterin läßt sich darüber hinaus gut in die in der attischen Vasenmalerei für Amazonen entwickelte Ikonographie einordnen, die vor allem im 4. Jh. eine allgemeine Verwendung persischer Trachtelemente für verschiedene nichtgriechische Gruppen und mythische Gestalten kennt: für Amazonen, Perser und z.B. auch für Orpheus. Das Vasenbild zeigt auf den ersten Blick also eine der vielen Amazonomachien, die für die Antike überliefert sind, ohne daß sich bei der Pelike der griechische Gegner und der genaue Anlaß des Kampfes benennen läßt. Das Bild bereitet dennoch in der Deutung keine Schwierigkeiten.
   
Auf einer Pelike aus Kertsch, die im Museum von Jalta (Stahl Nr. 90) aufbewahrt wird, ist die Szene dagegen weniger eindeutig, wenn man die bildlichen Formeln, durch die die Kämpfenden geschieden sind, genauer betrachtet. Wiederum kämpfen eine reitende Figur gegen eine zu Fuß kämpfende Figur, nur daß diese darin einer antiken Konvention für Kampfdarstellungen folgend zurückweicht. Differenz wird in diesen Kampfszenen nur durch eine Unterscheidung der Tracht, aber nicht durch die Hautfarbe ausgedrückt. Die reitende Figur trägt das nun schon bekannte Kostüm bestehend aus langen Hosen und einem kittelartigen langärmligen Obergewand. Die rechte Figur trägt jedoch ebenfalls eine mögliche Amazonentracht. Jedenfalls ist der eine Brust freilassende Chiton eine für Amazonen typische Bekleidung, die dann bei Amazonenbildern Verwendung findet, wenn keine orientalische Tracht vorkommt.

Andere Peliken zeigen jedoch, daß diese Tracht auch von Männern auf Bosporanischen Peliken getragen wird. Wichtiger scheint jedoch das Faktum, daß beide Figuren in gleicher Weise rotfigurig dargestellt sind, also ihr Geschlecht nicht farblich geschieden ist und beide kurzhaarig wiedergegeben sind, was für Amazonen untypisch ist. Es ist für diese Pelike, betrachtet man das Bild ohne ein vorgefaßte Meinung über die Deutung, also nicht mit Sicherheit zu behaupten, daß eine Amazonomachie gezeigt ist.
   
Dies soll nicht generell bedeuten, daß es keine sicheren Amazonomachiedarstellungen im Bosporanischen Reich gegeben habe. Die Vasenbilder sind jedoch oftmals nicht so eindeutig, wie es oberflächliche Klassifizierungen der ikonographischen Schemata suggerieren.
   
Untersucht man nun die pauschal als Amazonomachien gedeuteten Kampfszenen auf den Kertscher Peliken tritt deutlich hervor, daß die Mehrzahl keine farbliche Trennung der Kämpfenden hinsichtlich ihres Geschlechtes kennt und es zahlreiche Szenen gibt, in denen die im orientalischen Kostüm dargestellten Figuren keine Kopfbedeckung tragen und somit ihre Kurzhaarfrisuren zu erkennen sind. Es gibt also eine größere Zahl von Kampfszenen, die, nimmt man die ikonographischen Hinweise wörtlich, nicht eindeutig Amazonomachie zeigen, sondern Kampfszenen zwischen Kämpfern, die allein in der Ausrüstung unterschieden sind.
   
In einer Umkehrung läßt sich dies auch für die vielen Greifenkämpfe beobachten, bei denen die Arimaspen mit ihrem orientalischen Kostüm durch die weiße Hautfarbe manchmal den Amazonen in der Erscheinung äußerst nahekommen.
   
Diese indifferenten Bilder mit Kämpfenden im orientalischen Kostüm, Chiton, der eine Schulter freiläßt oder einfachem Himation, haben sich nun im Bosporanischen Reich so großer Beliebtheit erfreut, daß sich die Frage stellt, was der Bosporanische Käufer und Nutzer der Gefäße in den Bildern gesehen haben könnte. D.h. ob die Vasenbilder von dem Betrachter als Amazonomachiedarstellungen und damit z.B. als Darstellungen einer Gegenwelt verstanden worden sind, oder anderen Assoziationen Raum ließen, die z.B. eine positive Identifikation mit dem Dargestellten zuließen.
   
Wie kann aber nun bestimmt werden, wie die Käufer im Bosporanischen Reich diese Gefäße wahrgenommen haben. Es gibt für die Beantwortung dieser Frage momentan zwei Wege:
1.
       Die Untersuchung der lokalen Produktion bemalter Peliken und ihrer Ikonographie und
2.
       eine Untersuchung der Kampfdarstellungen auf anderen Bildträgern sowie der Selbstdarstellung der bosporanischen Krieger auf Grabreliefs
Parallel zum Import rotfiguriger Peliken in das Bosporanische Reich kommt in der zweiten Hälfte des 4. Jhs. die bereits erwähnte Produktion von Peliken auf, die von den russischen Kollegen als Aquarellpeliken bezeichnet werden. Eines der besser erhaltenen Gefäße (Fig.6), dessen Thema auch für andere Peliken dieser Produktion überliefert ist.
  
Es zeigt einen Kampf zwischen zwei Kriegern, die beide einen Chiton tragen. Wichtig für unsere Fragestellung ist, daß der Vasenmaler in der lokalen Produktion Kampfszenen schuf, in denen, soweit wir es bei dem schlechten Erhaltungszustand dieser Gefäße beurteilen können, ähnlich gewappnete Krieger gegeneinander antraten und nicht Amazonen gegen Griechen kämpfen.
   
Die lokalen Imitationen als Selbstzeugnisse der Wahrnehmung attischer Importkeramik sind allerdings bislang noch nicht Gegenstand einer umfassenden Untersuchung gewesen. Da das Entstehen der Imitationen jedoch durch dieselben kulturellen Rahmenbedingungen geprägt ist, die auch die Wahrnehmung der Betrachter der Importvasen bestimmt haben, müßten diese Imitationen einen Eindruck davon vermitteln, was man in den importierten Vasen gesehen hat oder sehen wollte. Nach dem Zeugnis der lokal produzierten Peliken besteht eine Nachfrage nach Peliken mit Kampfdarstellungen zwischen unterschiedlich gewappneten Kriegern, nicht aber nach deutlich erkennbaren Amazonomachien.
   
Dies ließe die Schlußfolgerung zu, daß auch die in ihrer Darstellung indifferenten Bilder der attischen Peliken in einem allgemeinen Sinn als Kampfszenen wahrgenommen worden sind und nicht als Amazonomachie. Dagegen scheint auf den ersten Blick die Tracht, bestehend aus langen Hosen und langärmligem Obergewand zu sprechen. An diesem Punkt helfen die Grabreliefs weiter.
   
Die Grabreliefs, die über das Aussehen und die Selbstdarstellung der Krieger Auskunft geben, werden derzeit von Patric Kreuz im Rahmen seiner Kölner Dissertationsschrift untersucht. Insgesamt ergeben die Informationen über die Bewaffnung der Krieger im Bosporanischen Reich ein sehr vielschichtiges Bild.
   
Ins 4. Jh. v. Chr. ist ein Grabrelief zu datieren, das Clairmont (Nr. 2.178)
als attisch publizierte, das jedoch eine lokale Arbeit in Kalkstein ist. Links steht eine kleinere Figur, die einen Schild hält, einem sehr viel größer dargestellten Krieger gegenüber, dessen mit einer Beinschiene geschütztes rechtes Bein noch deutlich zu erkennen ist. Der Krieger wird also eine griechische Rüstung getragen haben. Mit der Amazonentracht hat dies natürlich nichts gemein.
   
Häufig bei Kriegerdarstellungen ist die Tracht mit den langen Hosen und dem langärmligen Kittel dann seit hellenistischer Zeit auf Grabreliefs bezeugt. Die amazonenartige Tracht ist auf Denkmälern, die auf dem Gebiet des Bosporanischen Reiches gefunden worden sind, allerdings auch schon früher nachweisbar. Besonders wichtig sind hierbei zwei Reliefs, die nicht in Kertsch selbst, sondern in dem einen Fall ca. 20 km südlich von Kertsch gefunden worden sind, im anderen Fall auf der Taman-Halbinsel in Jubilejnoje.
   
Das 2 m 60 hohe Grabrelief wurde in der Aufschüttung eines südlich von Kertsch gelegenen Kurgans gefunden, der zu einer „Drei Brüder“ genannten Gruppe von Grabhügeln gehört. Diese Gräber wurden wie viele Kurgane des Bosporanischen Reiches in der Forschung schlicht als skythisch bezeichnet, obwohl die Anlage der Bestattung dem beschriebenen Standard bosporanischer Gräber folgt. Aufgrund des Kontextes wird das Relief ins 4. Jh. v. Chr. datiert.
   
Zu erkennen ist ein von vier Pferden gezogener Wagen, vor dessen giebelgeschmücktem Aufbau eine Frau sitzt. Sie hat den Kopf verhüllt. Im Hintergrund ist ein Baum zu erkennen, an dem ein Goryt hängt. Von rechts kommt ein Reiter, der einen langärmligen Kittel trägt. In derselben Weise bekleidet ist der langhaarige Pferdeführer, der vor dem Wagen steht.
   
Dieselbe Tracht ist auch durch das gut publizierte Relief, das auf der Taman-Halbinsel bei Jubilejnoje (Fig.
23) gefunden worden ist, nachgewiesen. Das Kalksteinrelief wurde zusammen mit zwei Grabreliefs aus Marmor gefunden. Es ist in der Datierung nicht unumstritten, so wurde sowohl eine spätklassische als auch eine hellenistische Datierung vorgeschlagen. Aus verschiedenen Gründen, die ich hier nicht weiter diskutieren möchte, halte ich eine Datierung in das 4. Jh. v. Chr. allerdings für wahrscheinlicher.
In dem wirren Durcheinander der Kampfszene erkennt man Reiter und zu Fuß kämpfende Krieger, die mit langen Hosen und Kitteln bekleidet sind. Am Zaumzeug des Pferdes sind die abgeschlagenen Köpfe der Feinde aufgehängt.
Die Kampfszene wurde in der Forschung ganz unterschiedlich interpretiert. So wurde es zunächst aufgrund der ikonographischen Nähe zu den Amazonendarstellungen als Amazonomachie gedeutet. Als ikonographische Belege wurden für diese Deutung unter anderem auch die attischen Peliken angeführt. Mittlerweile hat sich allerdings eine Deutung als nichtmythologische Kampfszene von Kriegern durchgesetzt. Gegen eine Amazonomachie spricht, daß auf dem Relief, nimmt man die ikonographischen Hinweise wörtlich, Amazonen gegeneinander kämpfen würden, was ansonsten nicht belegt ist. Darüber hinaus sind entsprechend gerüstete und eindeutig als Männer charakterisierte Krieger auch auf toreutischen Werken des 4. Jh. v. Chr. häufig dargestellt.

Wichtig für meine Fragestellung ist nun zum einen, daß mit diesem Relief ein Beleg für die Darstellung dieser ungriechischen Tracht in einer Kampfszene existiert, die im Bosporanischen Reich geschaffen worden ist. Das Relief kann daher als Selbstzeugnis bosporanischer Kultur gelesen werden. Zum anderen ist zu bemerken, daß sich auf dem Relief zwischen den Kämpfenden keine Parteiungen anhand der Tracht unterscheiden lassen.
   
Auf dem Relief von Jubilejnoje ist also ein Kampfgeschehen zwischen ungriechisch gewappneten Kriegern in amazonenartiger Tracht dargestellt. Das Relief von Jubilejnoje steht allerdings in dieser Hinsicht nicht allein. Vor allem viele toreutische Werke der sogenannten graeco-skythischen Kunst überliefern ähnliche Kampfdarstellungen.
   
Eines der bekanntesten Beispiele ist der goldene Kamm aus dem Solocha Kurgan. Zu erkennen ist eine Kampfszene zwischen einem Reiter und zwei Kriegern, die ihn angreifen. Die zu Fuß kämpfenden Krieger zeigen die nun schon bekannte ungriechische Tracht. Der Reiter zeigt hingegen griechische Waffen wie Helm und Beinschienen. Sieht man genau hin, fällt jedoch auf, daß er ebenfalls ein langärmliges Obergewand trägt und lange Hosen, also ebenfalls eine ungriechische Tracht. Weitere Belege für diese Mischung von griechischen und ungriechischen Tracht- und Bewaffnungselementen ließen sich in großer Zahl anhand toreutischer Werke nachweisen.
   
Für diese Darstellungen stellt sich nun die grundsätzliche Frage, ob sich solche Unterschiede in der Bewaffnung und Tracht als Indizien für unterschiedliche ethnische Gruppen deuten lassen oder im Sinne einer sozialen Hierarchie. So sind griechische Helme und Beinschiene als reale Funde sowohl in skythischen als auch in bosporanischen Bestattungen immer mit herausragenden Gräbern der jeweiligen Eliten verbunden. Gleichzeitig bezeugen diese Gräber, daß griechische Bewaffnungselemente in Kombination mit skythischen in bosporanischen und skythischen Gräbern vorkommen und wohl von beiden Gruppen verwendet worden sind.
   
Da weder die Grabkontexte auf der Krim noch die Bilder systematisch im Hinblick auf die Tracht und Bewaffnungselemente vorgelegt und untersucht worden sind, kann ich ihnen momentan keine Lösung des Problems geben. Somit ist auch unklar, welche Realität die Bilder abbilden, d.h. welche ethnischen und sozialen Gruppen in den Bildern konkret dargestellt sind.
   
Die gezeigten Bilder amazonenartig und ungriechisch gewappneter Kämpfer haben jedoch deutlich hervortreten lassen, daß die Betrachter der attischen Peliken im Bosporanischen Reich mit einer ganz spezifischen Ikonographie der Kampfdarstellungen vertraut waren. Für sie standen nicht Bilder im Vordergrund, bei denen in einer klar erkennbaren Differenz, Griechen gegen Amazonen, Barbaren, Kentauren usw. kämpften. Ihnen vertraut waren Bilder von Kämpfern in ungriechischer Gewandung und mit einzelnen griechischen Waffen. 
   
Betrachtet man nun mit den Augen eines bosporanischen Käufers, der an diese spezifische Bildwelt gewöhnt war, noch einmal die importierten Peliken, ergeben sich ganz andere Interpretationsmöglichkeiten als die Spiegelmetapher sie zuläßt. Eigentlich unterscheiden sich die in der Geschlechtsangabe oftmals indifferenten Krieger in amazonenartiger Tracht nicht sonderlich von den lokal produzierten Kampfdarstellungen. Daher liegt die Vermutung nahe, daß die Käufer der Peliken im Bosporanischen Reich Elemente ihrer eigenen Bildwelt bei der Betrachtung der attischen Peliken wieder erkannten.
   
Es ist für den Käufer im Bosporanischen Reich daher wohl weniger der Aspekt der Gegenwelt zu seiner eigenen Welt, der zu einer Vorliebe für diese Bilder führte, sondern bis in die Bewaffnung und Tracht hinein ein Bild seiner Welt, das auch positive Identifikationsmöglichkeiten bietet. Die Bedeutung die dem Kampf und Kriegertum nach Auskunft der Grabbeigaben und lokal produzierten Bildwelt beigemessen wurde, bildet also die kulturellen Rahmenbedingungen, aus denen heraus sich die Vorliebe für die attischen Peliken mit Kampfszenen erklären ließe.
   
Auch wenn viele der Überlegungen noch vorläufigen Charakter tragen, möchte ich doch einige der Ergebnisse zusammenfassen. Nimmt man den Betrachterstandpunkt mit in die Interpretation derjenigen Vasenbilder hinein, die in Athen dem Bereich der Gegenwelten angehören, und begreift sie im Kontext der Kulturen, die unmittelbar an die Gegenwelt grenzen oder sogar Teil dieser Gegenwelt aus attischer Perspektive sind, ergeben sich ganz andere Ansatzpunkte für die Interpretation der Bilder. Kampfdarstellungen, die von den attischen Vasenmalern sehr wohl als Amazonomachien gemeint sein können und als Teil einer Gegenwelt zur eigenen Polisordnung verstanden werden können, ergeben für den Betrachter derselben Bilder im Randgebiet kein spiegelverkehrtes Bild, sondern eher ein zur Identifikation eignendes Abbild ihrer selbst.
   
Für die Interpretation der importierten Vasen und ihrer Bildwelt gibt es darüber hinaus natürlich noch weitere mögliche Ansatzpunkte. So kann die Vorliebe für bestimmte Themen, wie bei den eindeutig identifizierbaren Amazonomachien und Greifenkämpfen auch in der Verbindung mit der Lokalisierung des Mythos in der antiken Literatur gesehen werden. Die Vorliebe könnte als Bestandteil einer lokal geprägten Mythologie erklärt werden, bei der die Funktion der Bilder in der Konstruktion einer lokalen, d.h. letztlich bosporanischen Identität gelegen hätte.
   
Eine solche Interpretation wäre jedoch nur in einer umfassenden Untersuchung über die Auswahl und den Umgang mit den Bildthemen im Bosporanischen Reich zu klären. Dafür sind aber erst noch viele Fundkontexte aus den Altgrabungen mit ihrem Material zu rekonstruieren.

 Die scans sind im wesentlichen Reproduktionen nach:

S. Reinach, Antiquités du Bosphore Cimmérien (1892)
Compte Rendu de la Commission Impériale Archéologique 1859–1888 (1860–1893)
E. Savostina (Hrsg.), Bosporan Battle Relief (2001).

Literature:

F. Fless, Rotfigurige Keramik als Handelsware. Erwerb und Gebrauch attischer Vasen im mediterranen und pontischen Raum während des 4. Jhs. v. Chr. (im Druck, Erscheinungsdatum Herbst 2002).

I. V. ªtahl’, Svod mifo-pi±eskih sjuetov anti±noj vazovoj rospisi po muzejam Rossijskoj Federacii i stran SNG (peliki, IV b. do. n. ™., ker±enskij stil (2000) .
 

Year 2002