Living in the world of the "Other" - Attic vases as grave goods
in Pantikapaion (Kerch, Crimea)
Gegenwelten
oder spiegelverkehrte Welten zu untersuchen, liegt derzeit im Trend archäologischer
Forschungen. Die Antike erscheint aus dieser Perspektive wie ein Konstrukt aus
Oppositionen, in denen das Eigene dem Anderen oder Fremden gegenübergestellt
und von diesem abgegrenzt wird. Je nach Forschungsgegenstand kann es dabei um
die Beschreibung von Differenz bzw. Alterität zwischen den Geschlechtern,
zwischen Griechen und Barbaren oder den Griechen und einer in Mythen faßbaren
Gegenwelt wie den Kentauren, Amazonen, Arimaspen und Greifen gehen. Die
Intentionen dieser Abgrenzung werden im allgemeinen in der Konstruktion eigener
Identität gesehen.
Ein antikes Bildthema, das in
diesem Modell eine besonders prominente Rolle spielt, ist die Amazonomachie.
Nach diesem Modell widersprechen die Amazonen als kriegerische Frauen dem
Rollenbild der griechischen Frau und werden damit zu Gegenbildern der
Polisordnung. Dadurch wird, so das Modell, gleichzeitig die kulturelle Identität
der Polisordnung bestärkt. Auch wenn die simple Anwendung dieses
Interpretationsmodells in der jüngsten Forschung modifiziert worden ist, wird
es doch immer wieder in der einfachen Form zur Interpretation vor allem von
attischen Vasen mit Amazonendarstellungen genutzt. Damit geht einher, daß die
Darstellungen der Amazonen vor allem aus der Perspektive der Produzenten der
Vasen interpretiert werden, d.h. aus einer athenozentrischen Perspektive heraus.
Daß diese Vasen in der Mehrzahl nicht in Athen gefunden worden sind und damit
der Betrachterstandpunkt der Bilder und damit der Gegenwelt in den meisten Fällen
nicht in Athen lag, spielt in diesem Interpretationsmodell zumeist keine Rolle.
Gerade die Fundorte und damit auch die Perspektive des Käufers
und Nutzers der attischen Keramik sollen im Mittelpunkt meines Vortrags stehen.
Dabei beschränke ich mich auf jenes Gebiet auf der östlichen Krim und der Taman-Halbinsel, auf dem sich in spätklassischer Zeit das Bosporanische Reich
erstreckte. Dorthin wurden im 4. Jh. v. Chr. in großer Zahl attische Vasen,
darunter besonders viele Peliken mit Darstellungen von Amazonomachien und
Greifenkämpfen exportiert.
Auf diese in das Schwarzmeergebiet exportierten Vasen wurde
das für Athe entwickelte Interpretationsmodell natürlich ebenfalls
angewendet.
So bemerkt die Archäologin
Vassileva zu den Darstellungen der Amazonen auf den Peliken: „ ... they still
reflect the Hellenic (often Athenian) model of the world and of the 'other'“.
Vassilevas Interpretation bezieht sich also auf die
im nördlichen Schwarzmeergebiet gefundenen Peliken. Ihr
Interpretationsstandpunkt ist jedoch in Athen zu lokalisieren. Ob jedoch der
attischen Vase im Moment ihrer Übertragung durch den Export auch das attische
Bedeutungsumfeld anhaftete und dieses also automatisch mittransportiert worden
ist, hinterfragt sie dabei nicht. Ebensowenig findet in diesem
Interpretationsmodell Berücksichtigung, ob im nördlichen Schwarzmeergebiet überhaupt
Griechen die Käufer der Peliken und Betrachter der Bilder waren.
Wenn im folgenden die in den Gräbern Pantikapaions
gefundenen attischen Importvasen betrachtet werden sollen, stellt sich also zunächst
einmal die Frage, ob es überhaupt legitim ist, die für Athen entwickelten
Interpretationsmodelle auf die exportierten Gefäße anzuwenden. Eng damit
verbunden ist die Frage nach dem kulturellen Kontext, in dem die Gefäße dann
im nördlichen Schwarzmeergebiet gefunden und genutzt worden sind. Denn erst die
Bestimmung des konkreten Fundkontextes und kulturellen Kontexte erlaubt es, die
Käufer und Nutzer der Keramik und damit auch die Betrachter der Bilder zu
bestimmen.
Das Modell der Gegenwelt auf die Funde attischer Vasen im nördlichen
Schwarzmeergebiet zu übertragen, ist aber noch mit einem sehr viel grundsätzlicheren
Problem verbunden. Dies tritt deutlich hervor, wenn man sich die Grundlagen für
die Entwicklung des Modells und die Situation auf der Krim und Taman-Halbinsel
konkret vor Augen führt.
Das nördliche Schwarzmeergebiet ist genau jene Region, die
bei der Entwickluing des Modells der spiegelverkehrten Welt oder Gegenwelt eine
wichtige Rolle spielt. So hat Francois Hartoge in seiner für dieses Thema
grundlegenden Arbeit „Le mirroir de Herodote“ aus dem Jahr 1980 den
skythischen Logos des Herodot so interpretiert, daß in der Beschreibung der
Skythen dem griechischen Leser eine spiegelverkehrte Welt seiner eigenen Kultur
entgegengestellt wird. Die Skythen sind also die Exempla der spiegelverkehrten
Welt oder Gegenwelt aus der griechischen Perspektive.
Hartoge´s Modell erklärt nun aber nicht, wie der Spiegel,
um in seiner Metapher zu bleiben, funktionieren soll, wenn ein Grieche direkt
vor dem Spiegel steht, d.h. der skythischen Kultur unmittelbar benachbart ist.
Nimmt er aus dieser Nähe heraus die Skythen als das Andere, als eine seiner
Kultur entgegengesetzte Kultur wahr?
Dasselbe Problem stellt sich bei der Analyse der Bilder mit Amazonomachiedarstellungen. Herodot (IV 110-117) läßt im 5. Jh. v. Chr. die
Sauromaten als Ergebnis der Vereingung der Amazonen mit den Skythen im nördlichen
Schwarzmeergebiet hervortreten. Auch andere antike Quellen lokalisieren die
Amazonen in dieser Region. In das nördliche Schwarzmeergebiet wurde, wie
gesagt, im 4. Jh. v. Chr. auch die Mehrzahl der attisch-rotfigurigen Peliken
exportiert, die mit Vorliebe Amazonomachien zeigen.
Die Amazonomachiedarstellungen auf diesen Peliken wurden also
in einem Gebiet gefunden, das der Region benachbart ist, in der die antiken
Quellen die Amazonen ansiedeln. Die Lokalisierung des Mythos und der Fundort der
Bilder liegen also nicht weit voneinander entfernt. Auch hier stellt sich
wiederum die Frage, ob die dem Mythos zugehörenden Amazonen von den Bewohnern
des Bosporanischen Reiches als Gegenbilder ihrer Kultur verstanden worden sind.
Um diesen Fragen und Problemen nachzugehen, werde ich im
folgenden gezielt einen Standortwechsel vollziehen und die Vasen mit ihren
Bildern aus dem konkreten kulturellen Kontext der Käufer und Nutzer heraus zu
interpretieren versuchen. Dazu möchte ich zunächst die Fundkontexte und damit
auch den kulturellen Kontext, in denen die Vasen gefunden worden sind,
rekonstruieren. Dadurch wird der kulturelle Standort des Käufers und
Betrachters bestimmt. Danach sollen die im Bosporanischen Reich produzierten
Bilder daraufhin untersucht werden, ob sie Hinweise auf die Wahrnehmung der aus
Athen gelieferten Bildwelt geben.
Im Mittelpunkt der folgenden Überlegungen sollen die Funde
aus Kertsch, dem antiken Pantikapaion der Hauptstadt des Bosporanischen Reiches
stehen. Kertsch liegt auf der östlichen Krim und ist in der archäologischen
Forschung namengebend für eine Gruppe rotfigurig bemalter Vasen aus Athen, die
Adolf Furtwängler (1883-1887) und Karl Schefold (1934) als „Kertscher
Vasenklasse“ oder Vasen des „Kertscher Stils“ beschrieben haben.
Zu den Kertscher Vasen in Furtwänglers und Schefolds
Definition gehören zwei Gruppen von Gefäßen. Zum einen sind es die
zahlreichen Peliken, mit Amazonen- und Greifenkämpfen sowie den Protomen von
Greif, Pferd und/oder weiblichem Kopf. Zum anderen sind es qualitätvolle, durch
zusätzliche Farben in ihrer Polychromie bereicherte Gefäße mit
variantenreicher mythologischer Thematik. Im Fundmaterial überwiegen insgesamt
die schlichten und wenig qualitätvollen rotfigurigen Vasen mit ihrer
standardisierten Bildwelt.
Mit den Kertscher Vasen faßt man für diese geographisch
begrenzte Region hinsichtlich der Qualität und der Vorliebe für bestimmte Gefäßformen
und Bildthemen somit einen spezifischen Akzent im Fundspektrum attischer
Keramik. Dies bedeutet nicht, daß die Kertscher Vasen nicht in einzelnen Fällen
auch in anderen Regionen gefunden worden sind. Einzelfunde ergeben jedoch, wie
noch später zu zeigen sein wird, keine interpretierbaren Muster.
Interpretierbar sind für uns nur jene immer wiederkehrenden Verhaltensweisen,
die ich im folgenden als Konvention bezeichnen möchte. In den antiken Quellen
werden solche Konventionen z.B. im Zusammenhang mit den unterschiedlichen
Trinksitten in griechischen Poleis bereits durch Autoren der klassischen Zeit,
wie Kritias (in: Athenaios XI p. 463 e-f Z. 4-11) beschrieben. Die Unterschiede
in der Nutzung und Handhabung der Keramik waren den Zeitgenossen im 5. und 4.
Jh. also deutlich bewußt. Sie lassen sich aus dem Fundmaterial jedoch nur
rekonstruieren, wenn eine entsprechende Materialmenge und eine ausreichende Zahl
von Fundkontexten überliefert sind, wie es für Pantikapaion der Fall ist.
Das Entstehen dieser Vorliebe für die Kertscher Vasen in
Pantikapaion vollzieht sich unter bestimmten historischen Rahmenbedingungen. Das
Bosporanische Reich hat sich in Folge der Perserkriege herausgebildet. Seit
438/7 v. Chr. übernahmen die Spartokiden die Macht und etablierten mit der
griechischen Kolonie Pantikapaion als Hauptstadt eine Territorialherrschaft (Fig.1). Diese Territorialherrschaft war aber nicht auf die griechischen Städte
beschränkt, die von Kolonisten aus Milet seit archaischer Zeit gegründet
worden sind. Es waren vielmehr auch nichtgriechische Stämme eingebunden.
Diese Besonderheit der Spartokidenherrschaft tritt in einer für
Leukon I. (389-349 v. Chr.) überlieferten Titulatur hervor. Dort wird er archon
von Bosporos und Theodosia, sowie basileus indigener Stämme genannt. Der
kulturelle Kontext, in dem die attischen Vasen gefunden worden sind, ist also
dadurch bestimmt, daß griechische Poleis und nichtgriechische Stämme in einer
Herrschaft vereint waren. Diese grenzt wiederum an weitere nichtgriechische und
nichtbosporanische Kulturen z.B. der Skythen, Taurer und Maioten.
Zu den Käufern und Betrachtern der Vasen und damit des
Spiegelbildes könnten im Bosporanischen Reich also nicht nur Griechen, sondern
auch Nichtgriechen unterschiedlicher Herkunft darunter auch Skythen gehören.
Das Bosporanische Reich ist aber auch in anderer Hinsicht
keine geschlossene Gesellschaft. Für die Blütezeit des Bosporanischen Reiches
im 4. Jh. v. Chr. sind vielmehr enge wirtschaftliche und politische Kontakte
zwischen Athen und den bosporanischen Herrschern überliefert. Athen war in
Klassischer Zeit auf die Getreideimporte aus dem nördlichen Schwarzmeergebiet
angewiesen und verlieh, um den stetigen Zufluß des Getreides zu garantieren,
den bosporanischen Herrschern besondere Ehrungen.
Für das Bosporanische Reich bedeutete dies umgekehrt, daß
ein dauerhafter Kontakt mit dem griechischen Mutterland bestanden hat. Damit
waren der Import griechischer Waren wie der attischen Keramik in das nördliche
Schwarzmeergebiet sowie eine Einflußnahme auf das angebotene Gefäßspektrum
gewährleistet. Es ist also davon auszugehen, daß der mögliche Betrachter
eines solchen Spiegelbildes im Bosporanischen Reich, um in Hartoge´s Metapher
zu bleiben, wahrscheinlich auch die gelieferte Bildwelt beeinflussen konnte.
Mit diesen allgemeinen Bemerkungen sind nun zwar grob
einzelne Parameter erfaßt, es ist aber noch nicht der Betrachter konkret in
seinem kulturellen Kontext beschrieben. Für eine solche konkrete Beschreibung
und Rekonstruktion des Betrachters stehen im Bosporanischen Reich allein
Grabkontexte zur Verfügung, die allerdings in großer Zahl erhalten sind.
Auch wenn viele der einfachen Erdgräber und der Grabhügel, Kurgane, nicht mehr rekonstruierbar sind, steht mit ca. 3000 publizierten Gräbern
der griechischen und römischen Zeit doch ein recht aussagekräftiges Material
zur Verfügung.
Wichtig für unsere Fragestellung und das Verständnis der
Nekropolen sind die auf den Höhenrücken des Juz Oba und den Ausläufern des
Mithridatesberges angelegten Grabhügel, Kurgane (Fig.2). Auf dem östlichen
Teil des Mithridatesberges liegt die Akropolis von Pantikapaion. Auf den
westlichen Ausläufern erstreckten sich ehemals ausgedehnte Nekropolen mit Grabhügeln
und einfachen Erdgräbern.
Unter diesen Grabformen bilden die Bestattungen in den großen
Kurganen für die Klassische Zeit eine besonders gut dokumentierte und auch
zahlreiche Gruppe. Kennzeichnend für die aufwendigen Grabhügel ist eine
spezifische Kombination von Merkmalen, wie die Grabanlagen auf dem Juz Oba
zeigen
(Fig.3,
Fig.4,
Fig.5): Sie besitzen in der Regel aufwendig gestaltete Grabkammern,
die aus sorgfältig geschnittenen Steinquadern gefügt sind. Typisch sind die
Kragsteingewölbe. In den Grabkammern standen, soweit die Befunde erhalten
waren, je ein Holzsarkophag und eine qualitätvolle, attisch-rotfigurige,
seltener schwarz gefirnißte Pelike. Diese ist oftmals mit einer Lekanis
vergesellschaftet. Hinzu kommen in den Sarkophagen Salbgefäße in der Regel
Alabastra aus Alabaster. Hinsichtlich dieser Grundelemente erweist sich die
Ausstattung dieser Gruppe von Gräbern als erstaunlich homogen.
Importierte Peliken wurden darüber hinaus auch in sehr
vielen einfachen Erdgräbern gefunden. Dort kommen sie auch in
Fundvergesellschaftung mit lokal produzierten Peliken vor. Die Funktion der
Peliken in den Gräbern ist zwar nicht mehr exakt zu bestimmen. In vielen Fällen
wurden sie aber zusammen mit Lekaniden und Körben gefunden. In diesen befanden
sich bei der Aufdeckung der Gräber zum Teil Früchte oder Nüsse. Es waren also
Speisebeigaben, die in Behältnissen außerhalb der Sarkophage deponiert waren.
Daher ist es nicht unwahrscheinlich, die Funktion der ebenfalls außerhalb der
Sarkophage stehenden Peliken ähnlich zu rekonstruieren. Sie könnten flüssige
Beigaben z.B. Öl enthalten haben, auch wenn dies nicht mehr nachweisbar ist.
Wichtig ist jedoch daß die Peliken in diesen aufwendig ausgestatteten Gräbern
nahezu regelhaft gefunden worden sind.
Die Peliken kommen aber ebenso häufig in den einfachen Erdgräbern
vor. Die Häufigkeit des Auftretens der Pelike in den Nekropolen Pantikapaions
erlaubt somit von einer Konvention der Beigabe dieser Gefäßform zu sprechen.
Es ist aber nicht allein die Form, die in spätklassischer Zeit anscheinend als
wichtiges Element der Pelike angesehen worden ist. Die Pelike mußte vielmehr in
der Regel rotfigurig oder zumindest polychrom bemalt sein. Die Importe aus Athen
haben allem Anschein nach aber nicht ausgereicht, diesen Bedarf vollständig zu
decken. Es setzt vielmehr bereits im 4. Jh. eine lokale Produktion von Peliken
ein.
So war im Grab 55 von Voikov eine rotfigurig bemalte,
importierte Pelike mit lokal produzierten Peliken vergesellschaftet. Diese lokal
produzierten Peliken sind in einer polychromen, der hellenistischen polychromen
Keramik vergleichbaren Technik bemalt, nur daß in ihrem Fall die Farbigkeit
rotfiguriger Vasen imitiert worden ist (Fig.6). Das gleichzeitige Auftreten der
Gefäße in einem Grab der Nekropole von Voikov ist einer der Belege dafür, daß
es sich bei den lokal produzierten, sogenannten Aquarellpeliken und den
rotfigurigen Vasen um zeitlich parallel auftretende Erscheinungen handelt.
Es ist also aufgrund der Häufigkeit des Auftretens der Peliken in den Gräbern von einer Beigabenkonvention zu sprechen. Der Bedarf
nach diesen Gefäßen hat dann eine entsprechende Nachfrage hervorgerufen, die
teilweise durch eine formal ähnliche lokale Produktion abgedeckt worden ist.
Ist mit diesen Beobachtungen nun aber der
Betrachterstandpunkt bestimmt, d.h. haben wir es, da Pantikapaion ja ursprünglich
eine milesische Kolonie ist, mit Griechen zu tun, die diese Gefäße erworben
und damit auch die Bilder angeschaut haben oder mit Nichtgriechen? Wie ist also
das kulturelle Umfeld beschaffen, in dem diese Konvention entstanden ist?
Ein möglicher Hinweis auf den Grabinhaber eines solchen
Kurgans könnte gerade aus der Beobachtung abgeleitet werden, daß in der archäologischen
Forschung für die attisch-rotfigurigen Peliken in griechischen Gräbern in
anderen Regionen, eine Verwendung als Grabbeigabe bzw. Urne beobachtet und
daraus eine signifikante sepulkrale Funktion dieses Gefäßtypus erschlossen
worden ist.
Die Beigabe der Pelike in den bosporanischen Gräbern könnte
folglich ein Merkmal eines griechisch geprägten Bestattungsbrauches sein und
auf eine ethnische Zuordnung des Bestatteten schließen lassen. Damit wäre auch
der Standpunkt des Betrachters bestimmt.
Dieses Bild der sepulkralen Funktion der attisch-rotfigurigen
Peliken beruht auf einem auch für andere Gefäßtypen verwendeten methodischen
Vorgehen. Dabei werden Funde in Gräbern aus ganz unterschiedlichen Nekropolen
zusammengestellt, die als Belege für eine sepulkrale Funktion der Gefäßtypen
interpretiert werden. Es entsteht dabei der Eindruck einer mit der Gefäßform
verbundenen Koine ihrer Nutzung. Der Stellenwert eines solchen Grabinventars
innerhalb der jeweiligen Nekropole wird in der Regel aber nicht weiter berücksichtigt.
Mit diesem Vorgehen läßt sich zwar die Verwendung der Pelike als Grabbeigabe
erfassen, aber nicht bestimmen, ob diese charakteristisch für eine bestimmte
Nekropole ist.
Das Problem läßt sich anhand der Beigabenkonventionen aus
der Nekropole der griechischen Stadt Olynth gut verdeutlichen. Stellt man allein
die Grabinventare, die rotfigurige Keramik enthalten, zusammen, so scheint das
Bild bestätigt zu sein, daß rotfigurig bemalte Peliken eine typische
Grabbeigabe sind. Wertet man jedoch alle Grabbeigaben der Nekropole aus, ergibt
sich ein ganz anderes Bild. Von den 600 aufgedeckten Gräbern enthalten 358
Grabbeigaben, die ca. 1400 Objekte enthielten. Neben 88 Lekythen zählen dazu
mehr als 300 schwarz gefirnißte oder unbemalte Gefäßbeigaben und 17
rotfigurige Vasen, darunter 3 Peliken, die soweit es gesichert ist als Urnen
dienten. Bei den Grabkontexten mit rotfiguriger Keramik handelt es sich also,
sieht man von den Lekythen ab, um Ausnahmen innerhalb der Beigabenkonventionen
in der Nekropole Olynths. Dasselbe gilt auch für andere Nekropolen wie
Apollonia Pontike an der Westküste des Schwarzen Meeres. Für Athen sind die
Grabbeigaben in den spätklassischen Nekropolen leider nur sehr unzureichend zu
fassen. In der Regel handelt es sich bei den publizierten Funden jedoch um
wenige Lekythen und Schälchen. Rotfigurig bemalte Peliken sind in den genannten
Nekropolen somit keine standardisierte Grabbeigabe.
Der hier nur oberflächliche Blick auf andere Nekropolen läßt
die Besonderheiten der Kertscher Gräber noch deutlicher hervortreten. Die
Regelhaftigkeit des Auftretens bemalter Peliken in der Mehrzahl der aufwendigen
Gräber und in zahlreichen einfachen Erdgräbern sowie das Entstehen einer
lokalen Produktion sind als Belege für eine Konvention der Beigabe dieses Gefäßtypus
zu werten. Dieser Befund kann folglich nicht als Ausdruck einer griechischen
Koine in der Ausgestaltung der Gräber oder sogar kopierende Übernahme von
Beigabenkonventionen z.B. aus Athen gewertet werden. Mit den Gefäßen wurde
also nicht der Kontext, in und für den die Gefäße in Athen produziert worden
sind übertragen, sondern neue Formen der Verwendung etabliert. Die Beigabe der
Pelike ist daher auch kein sicheres Indiz für einen Griechen als Grabinhaber.
Es ist also mit der Verwendung attisch-rotfiguriger Peliken
als Grabbeigabe ein spezifischer Zug bosporanischer Kultur zu fassen. Der aus
dem Entstehen fester Beigabenkonventionen resultierende Bedarf nach bestimmten
Gefäßtypen aus Athen ist dann als Ursache für die Nachfrage und den Import
gerade dieser Gefäßform interpretierbar.
Um den kulturellen Kontext besser zu verstehen, in dem sich
diese Vorliebe in der Verwendung attischer Peliken ausgebildet hat, und den
Grabinhaber zu bestimmen möchte ich den Blick noch einmal auf die Kurgane als
Gesamtanlage und auf ihre Ausstattung richten.
Für die aufwendigen Bestattungen dieser Region hat sich die
Kombination von Grabhügeln wie auf dem Juz Oba (Fig.7) und architektonisch
gestalteter Grabkammern
(Fig.3,
Fig.4,
Fig.5)
als typisch erwiesen. Darin unterscheiden
sich diese Grabhügel deutlich von skythischen Grabhügeln, wie sie z.B. im Raum
von Bug und Dnepr überliefert sind, da dort entsprechende Grabkammerformen
fehlen. Im äußeren Erscheinungsbild sind hingegen keine gravierenden
Unterschiede zu fassen. Grabskulpturen kommen gleichermaßen im Kontext
indigener Gräber außerhalb des Bosporanischen Reiches und innerhalb des
Bosporanischen Reiches vor.
Es sind in diesem Grenzgebiet, in dem verschiedene Gruppen
aufeinander treffen, also nach bisheriger Kenntnis keine deutlichen Gegenmodelle
in der äußeren Erscheinung der Bestattungsplätze ausgebildet worden, obwohl
entsprechende Modelle existiert haben und auch im Bosporanischen Reich bekannt
gewesen sein müssen, wie die mit Grabterrassen und Grabreliefs gesäumten Straßen
der Nekropolen Athens. Nur wenige Grabreliefs, die im Bosporanischen Reich
gefunden worden sind, könnten aus Athen oder anderen griechischen Poleis
importiert sein, oder übernehmen deren Formen in der Ikonographie.
Einen gravierenden Unterschied zu den griechischen Nekropolen
stellt auch die Lage der Grabhügel dar. Diese sind nicht unbedingt an Strassen
ausgerichtet. Die Nekropolenlandschaft ist vielmehr nach anderen Gesetzmäßigkeiten
organisiert, auch wenn wir sie momentan nicht im Detail beschreiben können.
Charakteristisch ist jedoch die Heraushebung der Grabhügel durch ihre Anlage
auf den Höhenrücken, die noch heute weithin sichtbar das Erscheinungsbild der
östlichen Krim prägen.
Das
Fehlen einer deutlichen Abgrenzung in der bislang erschließbaren äußeren
Erscheinung der Nekropolen im Bosporanischen Reich von den außerhalb des
Bosporanischen Reiches liegenden indigenen Nekropolen ist um so interessanter,
als somit zumindest auf dieser Ebene in klassischer Zeit kein ausgesprochen
skythisch-griechischer, griechisch-barbarischer oder
bosporanisch-nichtbosporanischer Gegensatz erkennbar ist. Eine Konstruktion
eigener Identität durch die Abgrenzung vom „Anderen“ ist in diesem
Randgebiet in dem beschriebenen Bereich der Grabmarkierung also nicht
nachweisbar.
Die im Bosporanischen Reich und seinem Umfeld bestehenden
ethnischen Unterschiede könnten dagegen durch die Art und den Reichtum der
Ausstattung, durch Tracht und Waffenbeigaben sowie durch die während der
Bestattung und bei späteren Totenfeiern durchgeführten Rituale artikuliert
worden sein. Es wurde bereits darauf hingewiesen, daß die reichen Bestattungen
im direkten Umfeld Pantikapaions eine insgesamt homogene Grundausstattung
aufweisen.
Dabei können die Grabinventare hinsichtlich der Herkunft der
Objekte ein facettenreiches Bild zeigen, wie es z.B. die Bestattung im Kekuvatskij-Kurgan zeigt. Neben einem Holzsarkophag wirde eine Pelike des
Marsyas-Malers (Fig.8) gefunden. Dazu treten bei dieser Gruppe von Kurganen in
ganz unterschiedlicher Zusammensetzung Trachtbestandteile, Schmuckstücke und
Waffen, die den Toten hinsichtlich seines Geschlechtes und seiner sozialen
Position näher bestimmen. Im Kekuvatskij-Kurgan handelt es sich um einen
chalkidischen Helm (Fig.9) und Beinschienen
(Fig.10), die mit einem
Schwertgriff (Fig.11) und dreiflügligen Pfeilspitzen
(Fig.12,
Fig.13) zusammen
gefunden worden sind. Der Schwertgriff zeigt eine ungriechische Form und
Dekoration auf, die ihre engsten Parallelen in indigenen, vor allem skythischen
Gräbern findet.
Diese Elemente der Grabausstattung sind also nicht nur einem
kulturellen Umfeld zuzuordnen, sondern zeigen unterschiedliche Einflüsse. Neben
Beigaben rein griechischer Form kommen „skythische“ Waffen vor. Die
Kombination der Waffen entspricht dabei durchaus dem Inventar skythischer Gräber
aus dem Bug- und Dnepr Raum. Dort findet man sie jedoch nicht in der Kombination
mit qualitätvollen attischen Peliken, Holzsarkophagen und aus Steinquadern gefügten
Grabkammern. Zudem sind die skythischen Gräber durch weitere Bestandteile der
typisch skythischen Ausrüstung verbunden, vor allem mit dem Pferdegeschirr. Der
Krieger im Kekuvatskij-Kurgan zeigt also Elemente, die der indigenen Kultur
zuzuordnen sind. Es dominieren aber die Beigaben griechischer Form und die für
das Bosporanische Reich charakteristische Gestaltung der Bestattung.
Es ist daher festzuhalten, daß in spätklassischer Zeit
ethnisch interpretierbare Differenzen in der Mehrzahl dieser aufwendigen Gräber
im Umfeld der griechischen Kolonien gegenüber dem eher homogen wirkenden
Gesamtbild zurücktreten.
Aufgrund der Differenzierung zwischen einfachen Erdgräbern
und reichen Kurganbestattungen ist es darüber hinaus gerechtfertigt, diese
Kurgane als Bestattungen der bosporanischen Elite anzusehen, die ihren Status in
der Grabausstattung durch eine spezifische Auswahl und Ausstattung mit Objekten
markiert.
Während solche Repräsentationsformen den gleichzeitigen Gräbern
der oben angeführten griechischen Nekropolen wiederum fremd sind, entsprechen
sie den Traditionen des indigenen Umfeldes. Dort spielen aber wiederum die
attischen Vasen gegenüber Gefäßen aus Bronze und Edelmetall keine besondere
Rolle. Dagegen bedient sich die bosporanische Elite der griechischen materiellen
Kultur, wie sie u.a. Athen in Form der attischen Vasen bereitstellte, in sehr
viel größerem Maße. Die Beigabensitte ist im 4. Jh. v. Chr. somit eher
ungriechisch, während die Objekte z.B. aus Athen importiert oder griechisch
beeinflußt sind.
Zu den spezifischen Merkmalen der Formierung dieser Kultur
und der Selbstdarstellung der Eliten im Bosporanischen Reich ist dann auch die
Vorliebe für sehr qualitätvolle, ornamental und polychrom gestaltete Gegenstände
zu zählen. Damit ist wohl letztlich auch eine der Facetten für die Vorliebe
der Vasen des Kertscher Stils zu fassen. In den einfachen Gräbern finden sich
ähnliche Konventionen der Auswahl der Beigaben allerdings mit reduziertem
Aufwand und reduzierter Bildwelt. Die Existenz von einzelnen Gräbern mit
deutlicher indigen geprägten Grabinventaren wie die vom Kul Oba im
Bosporanischen Reich ändert an diesem Bild prinzipiell nichts.
Die Kriterien der Auswahl attischer Keramik und die Formen
der Integration sind also im Fall der Peliken als spezifisch für die
bosporanische Kultur zu interpretieren und aus den kulturellen Rahmenbedingungen
heraus zu erklären. Damit ergibt sich aber auch für die Bilder auf den
attischen Peliken ein insgesamt anderer Betrachterstandpunkt als ein rein
griechischer. Die Bilder sind aus der Perspektive einer Kultur zu verstehen, die
unter Verwendung verschiedener Elemente anderer Kulturen, darunter nicht nur der
griechischen, sondern auch der indigenen, eigenständige Formen und auch eine
eigenständige Identität entwickelt zu haben scheint.
Betrachten wir aus dieser Erkenntnis heraus noch einmal die
Bilder auf den Peliken. Die Deutung der Bilder auf den Peliken scheint sich zunächst
recht einfach zu erschließen: Kampf zwischen Griechen und Amazonen sowie
Arimaspen und Greifen. Bei genauerem Hinsehen erschließen sich die Kämpferpaarungen
jedoch nicht so eindeutig.
Ausgangspunkt soll zunächst das Bild einer Pelike
sein, die sich im Museum von Kertsch befindet (Stahl Nr. 83). Auf einem weißen
Pferd stürmt von links eine weißhäutig angegebene Figur mit einem bunt
gemusterten langärmligen Trikot, einem darüber getragenen Kittel sowie einer
eigentümlichen an eine phrygische Mütze erinnernden Kopfbedeckung heran. Ihr
stellt sich ein nur mit Himation bekleideter Krieger im Ausfallschritt mit
vorgestrecktem Schild entgegen. Bei der ebenfalls etwas indifferenten
Kopfbedeckung des Kriegers könnte es sich um einen Helm handeln.
Zwischen beiden Kämpfenden wird also ein deutlicher
Unterschied in Hautfarbe und Tracht markiert. Die zusätzlich aufgetragene weiße
Farbe zur Wiedergabe der Haut von Frauen entspricht zwar anders als in der schwarzfigurigen Vasenmalerei der archaischen Zeit in der rotfigurigen
Bemalungstechnik nicht mehr einer festen künstlerischen Konvention, wird im 4.
Jh. v. Chr. jedoch wieder verstärkt zur Differenzierung zwischen den
Geschlechtern und zur Hervorhebung wichtiger Personen eingesetzt.
Die Reiterin läßt sich darüber hinaus gut in die in der
attischen Vasenmalerei für Amazonen entwickelte Ikonographie einordnen, die vor
allem im 4. Jh. eine allgemeine Verwendung persischer Trachtelemente für
verschiedene nichtgriechische Gruppen und mythische Gestalten kennt: für
Amazonen, Perser und z.B. auch für Orpheus. Das Vasenbild zeigt auf den ersten
Blick also eine der vielen Amazonomachien, die für die Antike überliefert
sind, ohne daß sich bei der Pelike der griechische Gegner und der genaue Anlaß
des Kampfes benennen läßt. Das Bild bereitet dennoch in der Deutung keine
Schwierigkeiten.
Auf einer Pelike aus Kertsch, die im Museum von Jalta (Stahl
Nr. 90) aufbewahrt wird, ist die Szene dagegen weniger eindeutig, wenn man die
bildlichen Formeln, durch die die Kämpfenden geschieden sind, genauer
betrachtet. Wiederum kämpfen eine reitende Figur gegen eine zu Fuß kämpfende
Figur, nur daß diese darin einer antiken Konvention für Kampfdarstellungen
folgend zurückweicht. Differenz wird in diesen Kampfszenen nur durch eine
Unterscheidung der Tracht, aber nicht durch die Hautfarbe ausgedrückt. Die
reitende Figur trägt das nun schon bekannte Kostüm bestehend aus langen Hosen
und einem kittelartigen langärmligen Obergewand. Die rechte Figur trägt jedoch
ebenfalls eine mögliche Amazonentracht. Jedenfalls ist der eine Brust
freilassende Chiton eine für Amazonen typische Bekleidung, die dann bei
Amazonenbildern Verwendung findet, wenn keine orientalische Tracht vorkommt.
Andere Peliken zeigen jedoch, daß diese Tracht auch von Männern
auf Bosporanischen Peliken getragen wird. Wichtiger scheint jedoch das Faktum,
daß beide Figuren in gleicher Weise rotfigurig dargestellt sind, also ihr
Geschlecht nicht farblich geschieden ist und beide kurzhaarig wiedergegeben
sind, was für Amazonen untypisch ist. Es ist für diese Pelike, betrachtet man
das Bild ohne ein vorgefaßte Meinung über die Deutung, also nicht mit
Sicherheit zu behaupten, daß eine Amazonomachie gezeigt ist.
Dies soll nicht generell bedeuten, daß es keine sicheren
Amazonomachiedarstellungen im Bosporanischen Reich gegeben habe. Die Vasenbilder
sind jedoch oftmals nicht so eindeutig, wie es oberflächliche Klassifizierungen
der ikonographischen Schemata suggerieren.
Untersucht man nun die pauschal als Amazonomachien gedeuteten
Kampfszenen auf den Kertscher Peliken tritt deutlich hervor, daß die Mehrzahl
keine farbliche Trennung der Kämpfenden hinsichtlich ihres Geschlechtes kennt
und es zahlreiche Szenen gibt, in denen die im orientalischen Kostüm
dargestellten Figuren keine Kopfbedeckung tragen und somit ihre Kurzhaarfrisuren
zu erkennen sind. Es gibt also eine größere Zahl von Kampfszenen, die, nimmt
man die ikonographischen Hinweise wörtlich, nicht eindeutig Amazonomachie
zeigen, sondern Kampfszenen zwischen Kämpfern, die allein in der Ausrüstung
unterschieden sind.
In einer Umkehrung läßt sich dies auch für die vielen
Greifenkämpfe beobachten, bei denen die Arimaspen mit ihrem orientalischen Kostüm
durch die weiße Hautfarbe manchmal den Amazonen in der Erscheinung äußerst
nahekommen.
Diese indifferenten Bilder mit Kämpfenden im orientalischen
Kostüm, Chiton, der eine Schulter freiläßt oder einfachem Himation, haben
sich nun im Bosporanischen Reich so großer Beliebtheit erfreut, daß sich die
Frage stellt, was der Bosporanische Käufer und Nutzer der Gefäße in den
Bildern gesehen haben könnte. D.h. ob die Vasenbilder von dem Betrachter als
Amazonomachiedarstellungen und damit z.B. als Darstellungen einer Gegenwelt
verstanden worden sind, oder anderen Assoziationen Raum ließen, die z.B. eine
positive Identifikation mit dem Dargestellten zuließen.
Wie
kann aber nun bestimmt werden, wie die Käufer im Bosporanischen Reich diese Gefäße
wahrgenommen haben. Es gibt für die Beantwortung dieser Frage momentan zwei
Wege:
1.
Die Untersuchung der lokalen Produktion bemalter Peliken und ihrer
Ikonographie und
2.
eine Untersuchung der Kampfdarstellungen auf anderen Bildträgern sowie
der Selbstdarstellung der bosporanischen Krieger auf Grabreliefs
Parallel zum Import rotfiguriger Peliken in das
Bosporanische Reich kommt in der zweiten Hälfte des 4. Jhs. die bereits erwähnte
Produktion von Peliken auf, die von den russischen Kollegen als Aquarellpeliken
bezeichnet werden. Eines der besser erhaltenen Gefäße (Fig.6), dessen Thema
auch für andere Peliken dieser Produktion überliefert ist.
Es zeigt einen Kampf zwischen zwei Kriegern, die
beide einen Chiton tragen. Wichtig für unsere Fragestellung ist, daß der
Vasenmaler in der lokalen Produktion Kampfszenen schuf, in denen, soweit wir es
bei dem schlechten Erhaltungszustand dieser Gefäße beurteilen können, ähnlich
gewappnete Krieger gegeneinander antraten und nicht Amazonen gegen Griechen kämpfen.
Die lokalen Imitationen als Selbstzeugnisse der Wahrnehmung
attischer Importkeramik sind allerdings bislang noch nicht Gegenstand einer
umfassenden Untersuchung gewesen. Da das Entstehen der Imitationen jedoch durch
dieselben kulturellen Rahmenbedingungen geprägt ist, die auch die Wahrnehmung
der Betrachter der Importvasen bestimmt haben, müßten diese Imitationen einen
Eindruck davon vermitteln, was man in den importierten Vasen gesehen hat oder
sehen wollte. Nach dem Zeugnis der lokal produzierten Peliken besteht eine
Nachfrage nach Peliken mit Kampfdarstellungen zwischen unterschiedlich
gewappneten Kriegern, nicht aber nach deutlich erkennbaren Amazonomachien.
Dies ließe die Schlußfolgerung zu, daß auch die in ihrer
Darstellung indifferenten Bilder der attischen Peliken in einem allgemeinen Sinn
als Kampfszenen wahrgenommen worden sind und nicht als Amazonomachie. Dagegen
scheint auf den ersten Blick die Tracht, bestehend aus langen Hosen und langärmligem
Obergewand zu sprechen. An diesem Punkt helfen die Grabreliefs weiter.
Die Grabreliefs, die über das Aussehen und die
Selbstdarstellung der Krieger Auskunft geben, werden derzeit von Patric Kreuz im
Rahmen seiner Kölner Dissertationsschrift untersucht. Insgesamt ergeben die
Informationen über die Bewaffnung der Krieger im Bosporanischen Reich ein sehr
vielschichtiges Bild.
Ins 4. Jh. v. Chr. ist ein Grabrelief zu datieren, das Clairmont (Nr. 2.178)
als attisch publizierte, das
jedoch eine lokale Arbeit in Kalkstein ist. Links steht eine kleinere Figur, die
einen Schild hält, einem sehr viel größer dargestellten Krieger gegenüber,
dessen mit einer Beinschiene geschütztes rechtes Bein noch deutlich zu erkennen
ist. Der Krieger wird also eine griechische Rüstung getragen haben. Mit der
Amazonentracht hat dies natürlich nichts gemein.
Häufig bei Kriegerdarstellungen ist die Tracht mit
den langen Hosen und dem langärmligen Kittel dann seit hellenistischer Zeit auf
Grabreliefs bezeugt. Die amazonenartige Tracht ist auf Denkmälern, die auf dem
Gebiet des Bosporanischen Reiches gefunden worden sind, allerdings auch schon früher
nachweisbar. Besonders wichtig sind hierbei zwei Reliefs, die nicht in Kertsch
selbst, sondern in dem einen Fall ca. 20 km südlich von Kertsch gefunden worden
sind, im anderen Fall auf der Taman-Halbinsel in Jubilejnoje.
Das 2 m 60 hohe Grabrelief wurde in der Aufschüttung eines südlich
von Kertsch gelegenen Kurgans gefunden, der zu einer „Drei Brüder“
genannten Gruppe von Grabhügeln gehört. Diese Gräber wurden wie viele Kurgane
des Bosporanischen Reiches in der Forschung schlicht als skythisch bezeichnet,
obwohl die Anlage der Bestattung dem beschriebenen Standard bosporanischer Gräber
folgt. Aufgrund des Kontextes wird das Relief ins 4. Jh. v. Chr. datiert.
Zu erkennen ist ein von vier Pferden gezogener Wagen, vor
dessen giebelgeschmücktem Aufbau eine Frau sitzt. Sie hat den Kopf verhüllt.
Im Hintergrund ist ein Baum zu erkennen, an dem ein Goryt hängt. Von rechts
kommt ein Reiter, der einen langärmligen Kittel trägt. In derselben Weise
bekleidet ist der langhaarige Pferdeführer, der vor dem Wagen steht.
Dieselbe Tracht ist auch durch das gut publizierte Relief,
das auf der Taman-Halbinsel bei Jubilejnoje (Fig.23) gefunden worden ist,
nachgewiesen. Das Kalksteinrelief wurde zusammen mit zwei Grabreliefs aus Marmor
gefunden. Es ist in der Datierung nicht unumstritten, so wurde sowohl eine spätklassische
als auch eine hellenistische Datierung vorgeschlagen. Aus verschiedenen Gründen,
die ich hier nicht weiter diskutieren möchte, halte ich eine Datierung in das
4. Jh. v. Chr. allerdings für wahrscheinlicher.
In dem wirren Durcheinander der Kampfszene erkennt man Reiter
und zu Fuß kämpfende Krieger, die mit langen Hosen und Kitteln bekleidet sind.
Am Zaumzeug des Pferdes sind die abgeschlagenen Köpfe der Feinde aufgehängt.
Die Kampfszene wurde in der Forschung ganz unterschiedlich
interpretiert. So wurde es zunächst aufgrund der ikonographischen Nähe zu den
Amazonendarstellungen als Amazonomachie gedeutet. Als ikonographische Belege
wurden für diese Deutung unter anderem auch die attischen Peliken angeführt.
Mittlerweile hat sich allerdings eine Deutung als nichtmythologische Kampfszene
von Kriegern durchgesetzt. Gegen eine Amazonomachie spricht, daß auf dem
Relief, nimmt man die ikonographischen Hinweise wörtlich, Amazonen
gegeneinander kämpfen würden, was ansonsten nicht belegt ist. Darüber hinaus
sind entsprechend gerüstete und eindeutig als Männer charakterisierte Krieger
auch auf toreutischen Werken des 4. Jh. v. Chr. häufig dargestellt.
Wichtig für meine Fragestellung ist nun zum einen, daß mit
diesem Relief ein Beleg für die Darstellung dieser ungriechischen Tracht in
einer Kampfszene existiert, die im Bosporanischen Reich geschaffen worden ist.
Das Relief kann daher als Selbstzeugnis bosporanischer Kultur gelesen werden.
Zum anderen ist zu bemerken, daß sich auf dem Relief zwischen den Kämpfenden
keine Parteiungen anhand der Tracht unterscheiden lassen.
Auf dem Relief von Jubilejnoje ist also ein Kampfgeschehen
zwischen ungriechisch gewappneten Kriegern in amazonenartiger Tracht
dargestellt. Das Relief von Jubilejnoje steht allerdings in dieser Hinsicht
nicht allein. Vor allem viele toreutische Werke der sogenannten
graeco-skythischen Kunst überliefern ähnliche Kampfdarstellungen.
Eines
der bekanntesten Beispiele ist der goldene Kamm aus dem Solocha Kurgan. Zu
erkennen ist eine Kampfszene zwischen einem Reiter und zwei Kriegern, die ihn
angreifen. Die zu Fuß kämpfenden Krieger zeigen die nun schon bekannte
ungriechische Tracht. Der Reiter zeigt hingegen griechische Waffen wie Helm und
Beinschienen. Sieht man genau hin, fällt jedoch auf, daß er ebenfalls ein langärmliges
Obergewand trägt und lange Hosen, also ebenfalls eine ungriechische Tracht.
Weitere Belege für diese Mischung von griechischen und ungriechischen Tracht-
und Bewaffnungselementen ließen sich in großer Zahl anhand toreutischer Werke
nachweisen.
Für diese Darstellungen stellt sich nun die grundsätzliche
Frage, ob sich solche Unterschiede in der Bewaffnung und Tracht als Indizien für
unterschiedliche ethnische Gruppen deuten lassen oder im Sinne einer sozialen
Hierarchie. So sind griechische Helme und Beinschiene als reale Funde sowohl in skythischen als auch in bosporanischen Bestattungen immer mit herausragenden Gräbern
der jeweiligen Eliten verbunden. Gleichzeitig bezeugen diese Gräber, daß
griechische Bewaffnungselemente in Kombination mit skythischen in bosporanischen
und skythischen Gräbern vorkommen und wohl von beiden Gruppen verwendet worden
sind.
Da weder die Grabkontexte auf der Krim noch die Bilder
systematisch im Hinblick auf die Tracht und Bewaffnungselemente vorgelegt und
untersucht worden sind, kann ich ihnen momentan keine Lösung des Problems
geben. Somit ist auch unklar, welche Realität die Bilder abbilden, d.h. welche
ethnischen und sozialen Gruppen in den Bildern konkret dargestellt sind.
Die gezeigten Bilder amazonenartig und ungriechisch
gewappneter Kämpfer haben jedoch deutlich hervortreten lassen, daß die
Betrachter der attischen Peliken im Bosporanischen Reich mit einer ganz
spezifischen Ikonographie der Kampfdarstellungen vertraut waren. Für sie
standen nicht Bilder im Vordergrund, bei denen in einer klar erkennbaren
Differenz, Griechen gegen Amazonen, Barbaren, Kentauren usw. kämpften. Ihnen
vertraut waren Bilder von Kämpfern in ungriechischer Gewandung und mit
einzelnen griechischen Waffen.
Betrachtet man nun mit den Augen eines bosporanischen
Käufers, der an diese spezifische Bildwelt gewöhnt war, noch einmal die
importierten Peliken, ergeben sich ganz andere Interpretationsmöglichkeiten als
die Spiegelmetapher sie zuläßt. Eigentlich unterscheiden sich die in der
Geschlechtsangabe oftmals indifferenten Krieger in amazonenartiger Tracht nicht
sonderlich von den lokal produzierten Kampfdarstellungen. Daher liegt die
Vermutung nahe, daß die Käufer der Peliken im Bosporanischen Reich Elemente
ihrer eigenen Bildwelt bei der Betrachtung der attischen Peliken wieder
erkannten.
Es ist für den Käufer im Bosporanischen Reich daher wohl
weniger der Aspekt der Gegenwelt zu seiner eigenen Welt, der zu einer Vorliebe für
diese Bilder führte, sondern bis in die Bewaffnung und Tracht hinein ein Bild
seiner Welt, das auch positive Identifikationsmöglichkeiten bietet. Die
Bedeutung die dem Kampf und Kriegertum nach Auskunft der Grabbeigaben und lokal
produzierten Bildwelt beigemessen wurde, bildet also die kulturellen
Rahmenbedingungen, aus denen heraus sich die Vorliebe für die attischen Peliken
mit Kampfszenen erklären ließe.
Auch wenn viele der Überlegungen noch vorläufigen Charakter
tragen, möchte ich doch einige der Ergebnisse zusammenfassen. Nimmt man den
Betrachterstandpunkt mit in die Interpretation derjenigen Vasenbilder hinein,
die in Athen dem Bereich der Gegenwelten angehören, und begreift sie im Kontext
der Kulturen, die unmittelbar an die Gegenwelt grenzen oder sogar Teil dieser
Gegenwelt aus attischer Perspektive sind, ergeben sich ganz andere Ansatzpunkte
für die Interpretation der Bilder. Kampfdarstellungen, die von den attischen
Vasenmalern sehr wohl als Amazonomachien gemeint sein können und als Teil einer
Gegenwelt zur eigenen Polisordnung verstanden werden können, ergeben für den
Betrachter derselben Bilder im Randgebiet kein spiegelverkehrtes Bild, sondern
eher ein zur Identifikation eignendes Abbild ihrer selbst.
Für
die Interpretation der importierten Vasen und ihrer Bildwelt gibt es darüber
hinaus natürlich noch weitere mögliche Ansatzpunkte. So kann die Vorliebe für
bestimmte Themen, wie bei den eindeutig identifizierbaren Amazonomachien und
Greifenkämpfen auch in der Verbindung mit der Lokalisierung des Mythos in der
antiken Literatur gesehen werden. Die Vorliebe könnte als Bestandteil einer
lokal geprägten Mythologie erklärt werden, bei der die Funktion der Bilder in
der Konstruktion einer lokalen, d.h. letztlich bosporanischen Identität gelegen
hätte.
Eine solche Interpretation wäre jedoch nur in einer
umfassenden Untersuchung über die Auswahl und den Umgang mit den Bildthemen im Bosporanischen Reich zu klären. Dafür sind aber erst noch viele Fundkontexte
aus den Altgrabungen mit ihrem Material zu rekonstruieren.
Die
scans sind im wesentlichen Reproduktionen nach:
S.
Reinach, Antiquités du Bosphore Cimmérien (1892)
Compte Rendu de la Commission Impériale Archéologique
1859–1888 (1860–1893)
E.
Savostina (Hrsg.), Bosporan Battle Relief (2001).
Literature:
F.
Fless, Rotfigurige
Keramik als Handelsware. Erwerb und Gebrauch attischer Vasen im mediterranen und
pontischen Raum während des 4.
Jhs. v. Chr.
(im
Druck, Erscheinungsdatum Herbst 2002).
I.
V.
ªtahl’,
Svod mifo-™pi±eskih
sjuΩetov
anti±noj
vazovoj rospisi po muzejam Rossijskoj Federacii i stran SNG (peliki, IV b. do.
n.
™.,
ker±enskij
stil‘
(2000)
Year 2002